Kiebitz in Not, Braunkehlchen mit Rekordbrut

Kiebitz in Not, Braunkehlchen mit Rekordbrut
Brachvogelgelege Foto: Alwin Schönenberger

Für die Wiesenbrüter im Dornbirner Ried hatten das warme und regenarme Frühjahr und der Hitzesommer ganz unterschiedliche Folgen: Beim Kiebitz war der Bruterfolg so schlecht wie seit 2008 nicht mehr, beim Braunkehlchen flogen so viele Junge aus wie noch nie.

Wer im Frühling durchs Ried radelt oder spaziert, hört sie oft, bevor er sie sieht: das „Kiwitt, Kiwitt“ über den Feldern, einen flötenden Ruf aus den Streuwiesen oder das leise Schnalzen von einem Zaunpfahl. Wiesenbrüter heißen jene Vögel, die ihre Nester direkt am Boden anlegen – ohne Baum, ohne Hecke, nur mit Gras als Deckung. Genau dieses spezielle Brutverhalten macht sie so verletzlich: Mähmaschinen, Füchse, Krähen und Störche oder wilde Katzen – und eben das Wetter entscheiden darüber, ob aus einem Gelege flügge Jungvögel werden. Das Dornbirner Ried mit seinen Streuwiesen, Äckern und Gräben gehört zu den wichtigsten Lebensräumen dieser Vögel im Vorarlberger Rheintal.

Ein Sommer der Extreme

Die Brutsaison 2026 begann mit einem überwiegend warmen und trockenen Frühjahr. Darauf folgte ein sehr heißer und extrem trockener Sommer, wie man ihn in unseren Breiten bisher nicht gekannt hatte. Die Auswirkungen auf die Vogelwelt im Ried waren deutlich – aber keineswegs einheitlich. Es kam darauf an, wo und wie eine Art brütet.

Kiebitz: Ein fast verlorenes Brutjahr

Der Kiebitz ist etwa taubengroß und mit seinem schwarz-weißen Gefieder, dem grün-violett schillernden Rücken und der langen Federholle am Hinterkopf unverwechselbar. Im Frühling fällt er durch seine waghalsigen Balzflüge „das Gaukeln“ auf: Die Männchen stürzen sich taumelnd in die Tiefe, schrauben sich wieder hoch und rufen dabei ihr typisches „Kiju-witt“. Kiebitze sind sehr standorttreu und monogam. Ursprünglich brütete der Kiebitz in feuchten Wiesen und Mooren. Weil es diese kaum mehr gibt, weicht er heute vielfach auf Äcker aus. Seine Küken sind Nestflüchter: Sie verlassen das Nest kurz nach dem Schlüpfen und suchen ihre Nahrung – Würmer, Insekten und Larven – von Anfang an selbst.

Kiebitz Foto: Hans-Martin Berg (Birdlife)

Für den Kiebitz, der im Rheintal überwiegend auf Äckern brütet, war die Trockenheit gleich doppelt herausfordernd. Schon im Frühjahr wurden offene Wasserstellen knapp. Bereits im Mai zogen sich mehrere Zentimeter breite Trockenrisse durch die Böden, im Juni waren die Böden bereits so hart, dass die Vögel mit ihrem Schnabel nicht mehr hineinstochern konnten. Regenwürmer und andere Bodentiere zogen sich in tiefere Schichten zurück – für die Kiebitze unerreichbar. Selbst von den früh geschlüpften Küken überlebten deshalb nur wenige. Der Bruterfolg ist für 2026 daher ernüchternd: Bei einem Bestand von mindestens 64 Brutpaaren erreichten nur acht Junge aus fünf Familien das flugfähige Alter. Einen schlechteren Bruterfolg gab es zuletzt 2008.

Großer Brachvogel: Kleiner Bestand, aber gutes Jahr

Der Große Brachvogel ist der größte Schnepfenvogel Europas. Sein Markenzeichen ist der lange, nach unten gebogene Schnabel, mit dem er tief im Boden nach Würmern und Insektenlarven sucht. Der Vogel ist zwischen 50 und 60 cm groß. Das Gefieder ist unauffällig braun mit dunklen Streifen und Flecken – eine perfekte Tarnung im hohen Gras. Umso auffälliger ist sein Ruf: ein melancholisches, flötendes „kuri-li“, das im Frühling über die Riedflächen trägt. Brachvögel werden alt, sind ihrem Brutgebiet sehr treu und brauchen große, offene und ungestörte Wiesenlandschaften. In Vorarlberg zählt er zu den am stärksten bedrohten Brutvögeln.

Großer Brachvogel Foto: Hans-Martin Berg (Birdlife)

Deutlich besser als dem Kiebitz erging es den Arten, die in den Streuwiesen brüten. Der Brachvogel ist in Vorarlberg nur noch mit einem sehr kleinen Bestand von sechs Brutpaaren vertreten. Damit Füchse und andere Räuber nicht an die Eier kommen, werden die Gelege eingezäunt. Mindestens vier dieser Gelege, vermutlich auch ein fünftes, schlüpften erfolgreich. Zu diesem Zeitpunkt standen die Streuwiesen bereits relativ hoch und boten den Küken beides, was sie brauchen: Deckung und reichlich Insekten. Trotz des kleinen Bestands wurden so immerhin sechs Jungvögel aus drei Gelegen flügge.

Braunkehlchen: So viele Junge wie noch nie

Das Braunkehlchen ist ein kleiner Singvogel, kaum größer als ein Spatz. Das Männchen trägt eine kräftig orange-braune Kehle und Brust und einen markanten weißen Streifen über dem Auge. Typisch ist seine aufrechte Haltung auf einer erhöhten Sitzwarte – einem Schilfhalm, einer Hochstaude oder einem Zaunpfahl. Von dort hält es Ausschau nach Insekten und Spinnen. Das Braunkehlchen ist ein Langstreckenzieher: Den Winter verbringt es in Afrika südlich der Sahara, im Frühling legt es Tausende Kilometer zurück, um in unseren Wiesen sein gut verstecktes Bodennest zu bauen. Dafür braucht es Flächen, die erst spät im Jahr gemäht werden.

Braunkehlchen Foto: Marek Szczepanek GNU public license

Am besten kam das Braunkehlchen mit der trocken-warmen Witterung und der Hitze zurecht. Einzelne Paare begannen schon kurz nach ihrer Ankunft Anfang Mai mit dem Brüten. Die ersten Jungen verließen bereits Anfang Juni das Nest, und einige Paare konnten sogar ein zweites Mal erfolgreich brüten. Von 113 Brutpaaren, die in den wichtigsten Braunkehlchen-Gebieten des Rheintals erfasst wurden, hatten mindestens 100 Paare Junge. Insgesamt flogen mindestens 250 Jungvögel aus – so viele wie noch nie seit Beginn der systematischen Bruterfolgskontrollen.

Was wir daraus lernen können

Die Bilanz dieses Sommers zeigt sehr deutlich, worauf es ankommt. Wo unsere Wiesenbrüter in spät gemähten Streuwiesen ungestört brüten können, kommen sie selbst mit extremer Witterung überraschend gut zurecht. Wo sie auf intensiv bewirtschaftete Äcker und Flächen ausweichen müssen und Feuchtflächen fehlen, reicht ein trockener Sommer, um eine ganze Brutsaison zunichte zu machen. Der Klimawandel wird solche Sommer wie 2026 häufiger machen. Umso wichtiger ist es, den Vögeln Lebensräume zu erhalten, die ihnen die Möglichkeit für eine erfolgreiche Brutsaison lassen.

Das heißt für Dornbirn und das Rheintal konkret: Streuwiesen und Feuchtflächen müssen geschützt und, wo möglich, wiedervernässt werden. Landwirt:innen, die auf Kiebitz-Gelege Rücksicht nehmen, Flächen später bewirtschaften oder Wasserstellen erhalten, verdienen eine faire Abgeltung und Unterstützung. Und der Schutz von Feuchtgebieten darf im Naturschutzgesetz nicht aufgeweicht werden – gerade jetzt nicht. Die Erfolge beim Brachvogel zeigen außerdem, dass gezielte Schutzmaßnahmen wie eingezäunte Gelege wirken – sie sind kostengünstig und können über das Überleben einer ganzen Population entscheiden.

Auch jede und jeder Einzelne von uns kann etwas zum Bruterfolg der Wiesenbrüter beitragen: Bitte bleiben Sie während der Brutzeit von März bis Juli auf den Wegen und nehmen Sie Hunde im Ried an die Leine. Ein aufgescheuchter Altvogel lässt Eier und Küken ungeschützt zurück – für Krähen und Füchse eine leichte Beute. Wer das Ried mit offenen Augen und Ohren durchstreift, wird immer wieder belohnt: mit dem Gaukelflug des Kiebitz, dem Ruf des Brachvogels und einem Braunkehlchen, das uns von einem Zaunpfahl beobachtet.

Quellen: Vorläufiger Brutbericht der Gebietsbetreuung, Wikipedia