Eine neue Realität am Strommarkt - der Sonnentarif
Österreich rüstet sich für eine neue Realität auf dem Strommarkt und beendet das klassische Tag/Nacht Tarifmodell.
Neues Gesetz – Neue Tarife
Mit dem im Dezember des vergangenen Jahres vom Nationalrat beschlossenen „Günstiger-Strom-Gesetz“ erhält das Elektrizitätswirtschaftsgesetz eine umfassende Neufassung. Die bisherige Rechtsgrundlage aus dem Jahr 2010 wird damit an die aktuellen Anforderungen des Energiesektors angepasst. Gesetzgeber und Regulierungsbehörde reagieren so auf die wachsenden Herausforderungen der Energiewende und schaffen die Basis für zahlreiche Neuerungen.
Die schlechte Nachricht: Der von vielen Bürger*innen genutzte klassische Tag-/Nacht Tarif (mit günstigerem Strom zwischen 22 und 6 Uhr) gehört damit der Vergangenheit an.
Die gute Nachricht: Auf das alte Modell des „Nachtstroms“ folgt ein neuer Niedertarif. Dieser gilt seit April für das Sommerhalbjahr (April bis September) zwischen 10 und 16 Uhr. Das entspricht genau dem Zeitraum, in dem statistisch gesehen viel Strom aus Photovoltaik im Netz vorhanden ist.
Eine weitere Neuerung ist, dass auch die Netzkosten im Zeitfenster des Niedertarifs um 20 % günstiger sind. Einzige Voraussetzung dafür ist, dass der jeweilige Stromzähler 15-Minuten-Werte an den Netzbetreiber übermitteln darf. Details dazu sind auf der Webseite der Vorarlberger Netze zu finden.
Ein kurzer Blick in die Vergangenheit
Doch was genau hat sich gegenüber früher eigentlich geändert? Dazu müssen wir einen kurzen Blick in Vergangenheit werfen. Noch vor wenigen Jahrzehnten hat sich der österreichische bzw. europäische Kraftwerkspark maßgeblich vom heutigen unterschieden.
Die Stromerzeugung in Europa war geprägt von Wasserkraftwerken sowie großen thermischen Kraftwerken aus Kohle, Gas oder Atomenergie. Diese Kraftwerke sind vor allem als Grundlastkraftwerke bekannt: Sie haben den Vorteil, dass sie über lange Zeiträume planbar und konstant Strom für Haushalte und Industrie liefern. Allerdings haben sie auch den Nachteil, dass sie nicht beliebig aus- und einschaltbar sind. So kann auf tageszeitliche Schwankungen bei der Nachfrage nach Strom nur bedingt flexibel reagiert werden.
Die Nachfrage nach Strom ist vor allem in der Nacht gering, weil in dieser Zeit naturgemäß weniger Verbraucher eingeschalten sind. Deshalb haben die Energieversorger tarifliche Vergünstigungen angeboten, um das Ungleichgewicht zwischen konstant erzeugtem Strom durch die Grundlastkraftwerke und geringerem Bedarf durch Haushalte und Industrie auszugleichen. Die günstigeren Tarife in den Nachtzeiten haben sich viele Haushalte zu Nutze gemacht: Sie haben ihre Warmwasserboiler und Nachtspeicheröfen über Nacht elektrisch „geladen“.
Windkraft und Photovoltaik waren früher noch nicht so präsent. Erst mit den Folgen der Ölkrisen der 1970er und aufkommenden Umweltdiskussionen rückten die erneuerbaren Energien stärker in den Fokus.
Der Kraftwerkspark von Heute
Betrachtet man die Entwicklungen der letzten Jahre, so hat sich die installierte Photovoltaik zwischen 2020 und 2025 in Dornbirn mehr als verdreifacht. Im Jahr 2025 waren bereits ungefähr 40 MW Modulleistung auf dem Stadtgebiet installiert. Auf ganz Vorarlberg gesehen ist dieser „Boom“ sogar noch etwas stärker ausgeprägt. In der Folge wird an sonnigen Tagen eine extrem große Menge an Strom aus Photovoltaik erzeugt. Ist die Nachfrage zu bestimmten Zeiten zu gering, kommt es teilweise sogar zu negativen Preisen an der Strombörse.
Was bedeutet das für den Stromkunden?
Mit neuen Tarifen werden für den Endkunden finanzielle Anreize gesetzt, Strom in Zeiten von großem Angebot direkt zu verbrauchen und so das Netz aktiv zu entlasten. Personen, die tagsüber zu Hause sind, können hier besonders profitieren: etwa Pensionisten, Teilzeitbeschäftigte oder im Homeoffice tätige Personen.
Auch wer tagsüber nicht zu Hause ist, kann sich den Vorteil zu Nutze machen: Bereits viele elektrische Großgeräte können per Zeitschaltung oder vom Handy gesteuert werden. Die Umstellung kleiner Routinen, etwa bei der Spül- und Waschmaschine, kann große Wirkungen erzielen. Mittelfristig stecken hier besonders im Bereich der Wärmepumpen und Elektroautos große Chancen um die nötige Flexibilität für die Stromnetze zu schaffen.
Gut zu wissen: Der Netzbetreiber Vorarlberg Netz passt die Schaltzeiten von Warmwasserboilern automatisch an die neuen Sommerzeiten an, sofern ein funktionsfähiger Smart Meter (digitaler Stromzähler) installiert ist.
Strom vollständig aus erneuerbaren Energien? Kann das wirklich funktionieren?
Erzeugung und Verbrauch in Einklang bringen – trotz Volatilität aus Windkraft und Photovoltaik – klingt nach einer Mammutaufgabe. Zugegeben: Ist es auch!
Es gibt verschiedene Methoden, um auf Ungleichgewichte zwischen Stromerzeugung und -Verbrauch zu reagieren. Essenziell sind vor allem Methoden zur Stromspeicherung, z.B. wie hierzulande (Pump-) Speicherkraftwerke oder in jüngster Zeit auch Batterien. Beide Methoden verbrauchen viele Ressourcen und greifen oftmals invasiv in Landschaften ein. Daher ist es wesentlich, auch marktwirtschaftliche Mechanismen zu nutzen – wie die bereits beschriebenen preislichen (tariflichen) Anreize.
Ein Blick ins Ausland zeigt neue Perspektiven auf
Wie kaum in einem anderen Land wird in Dänemark ein Großteil des Stroms aus Windkraft erzeugt. Und auch dort machen finanzielle Anreize kreativ: Viele Nahwärmebetreiber steuern bereits heute ihre Großwärmepumpen intelligent und reagieren sensibel auf Spitzenzeiten im Netz. Mittels Wärmespeicher können Stromüberschüsse kostengünstig ausgenutzt, Kraftwerksabschaltungen vermieden und Windflauten über einzelne Tage überbrückt werden. Ein positives Beispiel, das auch für Vorarlberg als Vorbild dienen kann.
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