Erstmals Müllverbrennung in Vorarlberg?

Erstmals Müllverbrennung in Vorarlberg?
Produktionsstätte Rondo Foto: Gerlinde Wiederin

Die Ganahl AG in Frastanz (Rondo Papier) hat beim Land Vorarlberg um Genehmigung zum Bau und Betrieb einer Anlage zur Energiegewinnung und Abfallverbrennung angesucht.

Was geht uns das in Dornbirn an? Die Genehmigung auf Basis einer Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) hätte Auswirkungen auf ganz Vorarlberg. Deshalb gibt es ein öffentliches Auflageverfahren, in dem alle Landesbürger:innen bis 23.April 2026 Stellung nehmen können.

Ursprünglich war ein kleineres Projekt geplant, das knapp unter den Schwellenwerten der UVP gelegen wäre. Der Plan war, vor allem eigene Abfälle aus der Wellpappeerzeugung zu verbrennen, um Wärme und Strom für die Produktion zu gewinnen. Bekanntlich ist Rondo einer der größten Energieverbraucher im Land. Die Frastanzer Grünen haben bereits 2023 darüber berichtet.

Nun liegt ein Antrag mit folgenden Eckdaten vor:

  • Lage: Ganahl Produktionsstätte in Frastanz, gleich südöstlich des Bahnhofs
  • Kapazität: 122.000 Tonnen Abfälle pro Jahr, je nach Heizwert (auch Restabfall = schwarzer Sack - "nicht gefährliche Abfälle") - ursprünglich geplant: 34.650 Jahrestonnen, UVP-Grenze: 35.000 Jahrestonnen
  • Durchgehender Betrieb 24/7
  • Errichtet werden ein Wirbelschichtofen plus ein Reservekessel mit Gas (als Start- und Stützbrenner)
  • Brennstoffwärmeleistung: 41 MW, Gesamtbedarf an Prozesswärme und elektrischem Strom kann gewonnen werden (Kraft-Wärme-Kopplung)
  • Verbrennungstemperatur: 850 °C (für 2 Sekunden)
  • Kaminhöhe: 45 m
  • Rauchgasreinigung: Trockene textile Filter, keine nasse Rauchgaswäsche, kein Elektro-Entstauber, Entstickung mittels Ammoniak (Ammoniak-Tank)
  • 74 zusätzliche LKW-Fahrten pro Tag für An- und Ablieferung zu den bisher genehmigten 358 Fahrten

Eine "allgemein verständliche Zusammenfassung" findet sich hier:

Was heißt das für die Menschen in Frastanz, für die Nachbargemeinden und für Vorarlberg?

Als Standort ist der Prkplatz oberhalb der Bezeichnung "Augasse" geplant

Standort: Die aktuelle Widmung (Baumischgebiet) lässt keine solche Anlage zu. Das kann die Gemeindevertretung von Frastanz mit Mehrheitsbeschluss ändern. Gleich südlich des geplanten Standortes beginnt ein großer Streuewiesenbereich. Östlich gibt es Wohnbebauung. Auch Wasserschutzgebiete finden sich in der Nähe. Der Grundwasserspiegel liegt ein Meter unter dem Gelände.

Plan der Produktionsstätte samt Verbrennungsanlage (Energiezentrale). Quelle: Rondo

Verkehr: Die an- und abgelieferten Mengen sind riesig. 122.000 Tonnen sollen verbrannt werden, 28.470 Tonnen Asche müssen abtransportiert werden. Dazu kommen Betriebsmittel. Zum Vergleich: Die gesamte Restabfallmenge, die Vorarlberger Haushalte im Jahr produzieren, liegt bei rund 25.000 Tonnen. Dass in unmittelbarer Nähe zum Gleis mit bestehendem Gleisanschluss des Nachbaruntenrnehmens kein Bahntransport mit Containern samt Förderanlage in Betracht gezogen wird, irritiert. Immerhin arbeitet die Firma bereits jetzt mit Containern zur Einsammlung von Altpapier.

Luftschadstoffe: Auch ein idealer Betrieb mit bestmöglicher Rauchgasreinigung entlässt CO2 und Wasserdampf in die Atmosphäre. Je nach Menge des Wasserdampfes verstärkt dies Inversionswetterlagen und mindert die Verteilung und Verdünnung der Abgase. Da in der Realität auch Schadstoffe emittiert werden, müssen diese zur bestehenden Belastung durch Verkehr, Hausbrand und bestehende Industrie hinzu gerechnet werden. Für Feinstaub, Stickoxide, saure Stoffe, Schwermetalle, Dioxine und andere Schadstoffe gibt es in der EU Grenzwerte, die demnächst abgesenkt werden sollen, da Luftschadstoffe für die menschliche Gesundheit auch heute noch ein großes Problem darstellen. Für PFAS in der Luft gibt es keine Grenzwerte. Für Verbrennungsanlagen dieser Größenordnung gilt die EU-Richtlinie 2008/1/EG mit klaren Regeln für IPPC-Anlagen (Integrated Pollution Prevention and Control). Der wichtigste Aspekt dabei ist, dass diese Anlagen stets die beste verfügbare Technik verwenden müssen. Die dazugehörigen Dokumente werden regelmäßig aktualisiert (BVT-Merkblätter). Sowohl die Art der Filterung (ohne Elektroentstauber, ohne nasse Rauchgaswäsche) als auch die Verbrennungstemperatur von 850°C und die Dauer von zwei Sekunden sind unterste Grenze und wohl kaum die beste verfügbare Technik.

Für die Verbrennung von Reststoffen der Papierindustrie wären 850°C ausreichend und sogar vorteilhaft (weniger NOx), nicht jedoch für die Verbrennung von Restabfall. Betreffend PFAS bestehen viele Unsicherheiten, klar ist jedoch, dass sie bei 850°C nicht vollständig zersetzt werden.

Lärmentwicklung und Grundwasserschutz sind weitere Punkte, die von Kritiker:innen der Anlage ins Treffen geführt werden. Und letztlich:

Woher bekommt die Anlage ihren Brennstoff? Die von Rondo angepeilten Mengen an Gewerbe- und Haushaltsabfällen (bis zu 122.000t im Jahr) gibt es in Vorarlberg nicht. Es werden also Abfälle importiert werden. Da 15 km westlich von Frastanz die Kehrichtverbrennungsanlage Buchs in Betrieb ist und in den nächsten Jahren durch ein neues Werk ersetzt wird, stellt sich die Frage, welche Anlage leistungsfähiger betreffend Technologie und Preis sein wird. Buchs verbrennt unsere Restabfälle bereits heute mit Temperaturen über 1.000°Celsius.

Bislang keine Entsorgungsbetriebe in Vorarlberg

Vorarlberg verarbeitet derzeit keine einzige Abfallfraktion selbst, praktisch alle kommunalen Abfälle werden exportiert (Restabfälle nach Buchs, Altpapier nach Oberösterreich, organische Abfälle nach Niederösterreich, Klärschlamm v.a. nach Deutschland, auch Glas, Metall und der Gelbe Sacke werden verschickt). Das stellt ein Problem dar, weil Vorarlberg dadurch abhängig von meist privaten Entsorgungsunternehmen und deren Preisgestaltung ist. Insofern sind Initiativen in Richtung Entsorgungssicherheit grundsätzlich zu begrüßen.

Erstrebenswert wären (inter-) kommunale Entsorgungsbetriebe mit Gemeinwohl-Zielen. Die Notwendigkeit der Abfallvermeidung und der Übergang in eine Kreislaufwirtschaft könnten dadurch unterstützt werden. Die Kehrichtverbrennungsanlage in Buchs ist ein Beispiel dafür. Der kommunale Betrieb kümmert sich um den kommunalen Restabfall in einem größeren Einzugsgebiet, achtet auf öffentliche Interessen wie Umweltschutz und strebt Kostendeckung, aber keine Gewinne an. Große Bereiche im Umfeld der Anlage werden mit Wärme versorgt. Die Kosten bleiben für uns in Vorarlberg transparent und überschaubar.

Wenn ein privates Unternehmen Abfälle als Brennstoff verwendet und dadurch weniger Gas benötigt, ist das grundsätzlich eine gute Idee, insbesondere wenn damit auch ein Wärmenetz gespeist werden kann. Doch dass die Bevölkerung mehrfach dafür zahlt, darf nicht passieren:

  • Einmal für die Verbrennung des Restabfalls, der ja einen Brennwert hat
  • Ein weiteres Mal für die Wärme
  • Ein drittes Mal durch Belastungen wie etwa Verkehr und Luftschadstoffe

Für das Unternehmen ist die Sache sehr profitabel. Im UVP-Verfahren wird nachgebessert werden müssen. Ob das reicht, damit die Vorteile der Anlage letztlich die Nachteile für die Allgemeinheit überwiegen, ist offen. Hier die Darstellung von Rondo.

Die Pläne des Vorarlberger Gemeindeverbands, in Meiningen eine Verbrennungsanlage für Klärschlamm zu errichten, sind vorerst gescheitert.

Mitarbeit: Christopher Schmoll