Ein Windrad zwischen Gschwend und Weißenfluh?
Die Frage klingt zunächst nach einem Gedankenexperiment – und ist doch hochaktuell: Wo könnte Windkraft in Vorarlberg überhaupt sinnvoll sein, und welche Chancen und Risiken könnte eine Windkraftanlage konkret für den Standort Dornbirn bedeuten?
Die Ausgangslage
Die vorangegangene Vorarlberger Landesregierung ließ 2023 im Rahmen einer Erhebung der Ausbaupotentiale von erneuerbaren Energien die Windverhältnisse im Ländle systematisch untersuchen. Dabei wurde der „Windatlas Vorarlberg“ erarbeitet, der basierend auf Modellierungen und einer breiten Datengrundlage meteorologischer Messdaten aus Vorarlberg und den angrenzenden Nachbarländern die Windgunstlagen kartographisch verortet.
Als potenzielle Eignungsgebiete werden gemäß dieser Erhebung rund 112,7 km² identifiziert. Das entspricht 4,3 % der Landesfläche.
Klingt nicht viel, die Fläche für Siedlungsraum nimmt mit 4,6% einen ähnlichen Raumbedarf der Landesfläche von Vorarlberg ein.
Für eine bessere regionale Einordnung der Ergebnisse unterteilt die Potentialerhebung Vorarlberg in folgende sechs Großgebiete: Pfänder-Region, Bregenzerwald, Allgäuer Alpen, Lechtaler Alpen, Rätikon-Silvretta und den Raum Feldkirch.
Doch es ist Vorsicht geboten! Gegenstand der Potentialerhebung sind nur technische und topographische Kriterien – im Kern bedeutet dies, dass Standorte nur ein ausreichendes Windangebot sowie eine maximal zulässige Hangneigung aufweisen müssen, um als potentielle Fläche bewertet zu werden.
In der Realität erweist sich die Standortsuche aber als deutlich komplexer. So fehlen bei dieser Betrachtung die entscheidenden Standortfaktoren, welche bei der konkreten Suche am Ende über „ja“ oder „nein“ entscheiden:
- Natur- und Landschaftsschutz (inkl. Schutzgebiete, Vogel- und Fledermauspopulationen)
- Besiedelungsdichte und Abstandsvorgaben
- Schallemissionen und Schattenwurf
- Vorgaben der Raumordnung und lokale Entwicklungsziele
- Infrastruktur und Netz (Zuleitung, Zufahrt, Kranstellflächen, Netzanschlusspunkte)
Gut zu wissen:
Der wirtschaftliche Betrieb einer Windkraftanlage ist nicht nur durch die Windgeschwindigkeit des Standorts definiert. Insbesondere eine vorhandene Netzinfrastruktur und kurze Zufahrtswege können die betriebswirtschaftliche Projektkalkulation erheblich verbessern.
Doch wie steht es nun um die Potentialflächen im Gemeindegebiet Dornbirn?
Dornbirn wird mit seinen Hanggebieten in der Potentialkarte dem Großraum „Bregenzerwald“ zugeordnet. Für dieses Einzugsgebiet gilt: Das größte Potential liegt entlang der Hügel am östlichen Rand des Rheintals. Dazu zählen Pfänder, Schneiderkopf, Geißkopf, Hochälpele, Alpe Weißenfluh, Dornbirner First, hoher Freschen und Nob im Laternser Tal.
Richtung Süden – etwa im Umfeld Freschen/Nob – wird das Gelände deutlich alpiner. In der Folge sind Zufahrtsmöglichkeiten deutlich komplexer oder unmöglich. Im Naturschutzgebiet Hohe Kugel – Hoher Freschen – Mellental ist die Errichtung einer Windkraftanlage ohnehin nicht zulässig.
Das bedeutet: Standortwahl ist immer ein Abwägen von Vor- und Nachteilen, nicht die pauschale Umsetzung einer farbigen Karte.
350 W/m² in 100 m Höhe in Dornbirn: starkes Signal, aber kein Freibrief
Damit eine Windkraftanlage wirtschaftlich betrieben werden kann, ist eine Windgeschwindigkeit von mindestens 4,5 bis 5 m/s notwendig. Das entspricht je nach Häufigkeitsverteilung einer Leistungsdichte von 150 W pro m2 Rotorfläche.
Für die genannten Hanglagen von Dornbirn nennt die Studie ein bemerkenswertes Maximum: Das modellierte Windangebot erreicht bis zu 350 W/m² Leistungsdichte (bezogen auf 100 m Höhe über Grund) – damit zählt diese Region zu den windstärkeren Bereichen Vorarlbergs.
Grenzen der Studie: Modellierung versus Windmessung
Die Potentialerhebung ist ausdrücklich eine Modellierung mit Unsicherheiten. Für echte Projektentscheidungen braucht es Windmessungen vor Ort – typischerweise mindestens ein Jahr, z. B. zunächst beginnend mit einer LiDAR-Messung (Lasermessgerät) und später mit Messturm, damit die modellierten Werte belastbar bestätigt (oder widerlegt) werden können.
An der Alpe Rauz am Arlberg kann aktuell ein solcher 80m hoher Messturm besichtigt werden. Zwischen Liftanlagen, Hochspannungsleitungen und Funkmasten ist dieser allerdings nur bei genauem Hinschauen als solcher zu identifizieren.
Wir haben doch Photovoltaik und Wasserkraft. Warum braucht es auch noch Windkraft?
Um diese Frage beantworten zu können, braucht es einen Einblick in die gegenwärtige Energiesituation am Industriestandort Dornbirn (Daten 2024).
- Strombedarf: ca. 300 GWh (davon 100 GWh Haushalte, 200 GWh Industrie/Gewerbe etc.)
- Erzeugung im Stadtgebiet: 8 GWh Wasserkraft, 30 GWh Photovoltaik, 7 GWh aus der Verstromung von Holzgas (Produkt der Fernversorgung im Energiewerk Ilg)
- ca. 15 % des Strombedarfs wird bilanziell auf dem Stadtgebiet erzeugt
Zum Vergleich: eine einzelne moderne Onshore-Windkraftanlage liefert ungefähr 15 GWh.

Zukunft: Elektrifizierung verschiebt die Systemfrage in den Winter
Wenn Dornbirn im Zuge der Energieautonomie Vorarlberg fossile Energieträger konsequent ersetzen will – etwa 240 GWh Gas, 70 GWh Öl sowie 160 GWh Diesel/Benzin aus dem Mobilitätssektor – steigt auch der Strombedarf und die Leistungsanforderungen an das lokale Stromnetz. Verbraucher, wie Wärmepumpen und Elektromobilität, erhöhen den Strombedarf vor allem im Winter – und vergrößern damit den Bedarf in einer Jahreszeit, zu der Österreich nach wie vor noch stark auf den Import von fossilem Strom aus dem Ausland angewiesen ist. Dieses Defizit an Erneuerbarer Energie wird auch als „Winterstromlücke“ bezeichnet.
Genau hier liegt der systemische Vorteil der Windkraft. Sie liefert Strom überwiegend dann, wenn Photovoltaik und Wasserkraft in den Wintermonaten weniger Energie bringen. Ein möglichst breit ausgelegtes Portfolio Erzeugungstechnologien hilft nicht nur die Volatilität erneuerbarer Energien auszugleichen und damit die Stabilität des Netzes zu fördern, sondern auch langfristig die Netzausbaukosten niedrig zu halten. Der Versuch, das Winterdefizit mit PV-Anlagen zu kompensieren, würde die sommerlichen Überschüsse nur verstärken und die Notwendigkeit für ineffiziente Abregelungen vermehren. Die Windkraft bietet damit für Vorarlberg die Chance, langfristig günstige Stromkosten bzw. Netzentgelte für die Industrie und somit für den Wirtschaftsstandort Vorarlberg zu garantieren.
Gut zu wissen:
Laut dem Fraunhofer Institut lagen die Stromgestehungskosten im Jahr 2024 für eine kWh-Windstrom bei 4,3 Cent. Im Vergleich lag eine PV-Dachanlage noch deutlich über 6 ct. Rund ein Drittel des deutschen Strommix wurde 2024 durch Windkraft generiert.
Oberstes Gebot: Energieeffizienz
Jede eingesparte kWh Strom muss nicht erzeugt werden. Unser derzeitiger Verbrauch fossiler Energie lässt sich mit erneuerbaren Energien nicht ohne größere Eingriffe in die globale Umwelt erreichen. Damit stellt Energieeffizienz die wohl wichtigste Schlüsselkomponente in puncto Energiewende dar – zu der wir alle tagtäglich beitragen kann.
Wenig Flächenverbrauch – viel Energie pro Standort
Ein Windrad beansprucht im Dauerbetrieb (Fundament, Kranstellfläche, Wege) relativ wenig Fläche; der umgebende Raum bleibt häufig nutzbar (z. B. Forst). Entscheidend ist weniger die „Landesflächenzahl“, sondern ob es einige wenige, konfliktarme, gut erschließbare Standorte gibt.
Fazit: Windkraft in Dornbirn? Ja, aber nur mit klaren Spielregeln!
Windkraft ist möglich, wenn geeignete technische und infrastrukturelle Rahmenbedingungen vorliegen, ökologische Grenzen eingehalten werden und die gesellschaftliche Akzeptanz aktiv aufgebaut wird. Im Genehmigungsverfahren sind Standorte immer auf ökologische Schutzgüter und das Landschaftsbild zu prüfen; außerdem müssen Mindestabstände, Immissionsgrenzwerte (Schall), Schattenwurf-Regeln und eine transparente frühzeitige Einbindung bzw. Beteiligung der Bevölkerung erfüllt werden.
Die derzeitige Potentialkarte dient nur als Startpunkt – nicht als Ergebnis. Somit lässt sich die Frage des Standorts erst beantworten, wenn viele Details geprüft wurden. Die Windmessung stellt jedenfalls eine obligatorische Maßnahme für eine ganzheitlichen Beurteilung der Debatte dar und ist als solche zu begrüßen.
Wir als Grüne Dornbirn befürworten alle Maßnahmen, die der Zielerreichung der Energieautonomie Vorarlbergs dienlich sind. Windkraft kann dafür – an einzelnen geeigneten Standorten – ein sehr wirksames Puzzlestück sein. Nicht automatisch. Aber prüfenswert.
Felix Heuring
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